Zweigleisig


Nachdem der MegaHub nun wirklich einen nennenswerten Betrieb aufgenommen hat, ist es Zeit für eine erste Zwischenbilanz.

Wir möchten hiermit auch Sie ermutigen, uns mitzuteilen, was Sie stört und was sie vielleicht schlimmer erwartet hätten. Als Verein können wir im Moment lediglich sammeln und helfen, die negativen Effekte in geeigneter Form an die Betreiber und das EBA weiterzuleiten.

Positiv zu nennen ist da vor allem die aktuelle Einstellung der Läutwerke, also der Signale, die immer dann in Fahrtrichtung ertönen, wenn die Ladebrücken sich selbst bewegen. Ohne unsere Beharrlichkeit wären die nämlich in beiden Richtungen angeschaltet und viel lauter.

Bei Windstille hört man Hebe-Geräusche, also die aufjaulenden Seilwinden, in ca. 1.000 bis 1.500 m Entfernung noch, aber es stört tags nicht und weckt nachts nicht. Wer dichter dran und öfter in Windrichtung wohnt wird das vielleicht anders bewerten.

Mehrmals pro Nacht, manchmal auch am Tag hört man heftige Aufsetzgeräusche. Hier bleibt abzuwarten, ob die Kranführer im Laufe der Zeit besser werden oder ob es bei zunehmendem Betrieb noch häufiger zu derartigen vermeidbaren „Schlägen“ kommt.

Völlig unklar ist im Moment, warum ab und zu zwischen 2 und 4 Uhr in der Früh Drucklufthörner eingesetzt werden. Dafür kann niemand Verständnis haben.
Allerdings haben wir auch Berichte erhalten, dass im Bereich oder der Nähe des MegaHub am Sonntag Kies oder Schotter verladen wurde. Das würde eher für einen Bauzug sprechen. Eine solche gelbe Anlage von H.F.Wiebe war kürzlich in Lehrte zu sehen, ebenso wie ein Zug mit Bahnschwellen. Es wäre nur zeitlich begrenzter Lärm, und wenn man das vorher weiß, kann man damit oft irgendwie klarkommen. Normalerweise sollten Anlieger bei geplantem nächtlichem Baulärm aber wenigstens per Zeitung oder Postwurf über Umfang und Zeitspanne informiert werden, doch die DB Netz unterlässt das nahezu immer und pflegt seit einem guten Jahr auch ihre Webseite „Max Maulwurf“ nicht mehr so richtig. Das passt einfach nicht in das Bild einer umweltfreundlichen Bahn.

Was man noch besonders nachts hört und was den Schlaf abrupt beendet, sind mit Vollast anschleppende Lokomotiven dieselelektrischer Bauart. Das passt nun gar nicht ins Bild, dass im MegaHub anfangs ausschließlich elektrifizierte Züge der DB Cargo abgearbeitet würden. Es können natürlich auch Züge sein, die nicht im sondern wegen des MegaHub angehalten haben. Wer weiß hierzu mehr?

Was schon jetzt mehrfach aufgefallen ist, sind osteuropäisch registrierte Container-LKW, die über die Straße Am Rehwinkel und die Kolshorner Brücke in den Eisenbahnlängsweg fahren. Leider brettern die so schnell um die Kurve, dass ich es nie geschafft habe, das Handy zu zücken und ein Bild zu machen. Ein Szenario, welches sowohl Anwohner als auch Ortsrat bei den Anhörungen immer wieder als problematisch vorgebracht haben. Aus Sicht der DB Netz nicht realistisch, weil man durch geeignete Verkehrsschilder den Zulauf steuert.

Die beiden extrem laut schlagenden Weichen auf Höhe der Tennet / Leitungsbau gehören nach wie vor zu den schlimmsten Ruhestörern im Bereich Ahlten. Nicht zuletzt, weil die Geräusche an der Kolshorner Brücke weitgehend ins Dorf zurück reflektiert werden. Nach meiner Einschätzung würde hier eine Weiche modernerer Bauart schon sehr viel bringen, aber da bleibt die Bahn eisern.

Natürlich kommt der Lärm auf dem Gütergleis nicht ausschließlich vom MegaHub, sondern auch vom bislang schon vorhandenen Güterbahnverkehr.

Mit welchem Recht kann man sich als Lehrter über nächtlichen Güterlärm aufregen, fragt der eine oder die andere?
Nun, das ist ganz einfach:

Wir haben seit 2012 ein „lärmabhängiges Trassenpreissystem„: nicht direkt leise Züge, aber immerhin auf leise Bremsen umgerüstete Züge fahren preiswerter – aller anderen müssen schrittweise 1% bis 7% mehr für die Streckennutzung bezahlen.
Das brachte einige Jahre sehr viel Geld für die Umrüstung in die Kassen. Doch im Sommer 2018 wurden die Preise für Güterverkehr halbiert (https://www.eurotransport.de/artikel/bundestag-senkt-trassenpreise-175-millionen-euro-fuer-die-schiene-10217545.html). Damit fahren selbst laute Züge nun deutlich billiger als vor der lärmabhängigen Bepreisung!

Sie sind verärgert? Hoho, wir waren noch nicht fertig!

Die Trassenentgelte sollen noch einmal für den Güterverkehr um 0,6% gesenkt werden. Das finanziert man dann mit der Erhöhung des Trassenentgeldes für den Personenverkehr, also mit teureren Bahntickets: https://www.dbnetze.com/infrastruktur-de/Kundeninformationen/2020_KW35_TPS-2022-5557404

Jetzt genug? Nein?
Na dann:
Das Schienenlärmschutzgesetz 2017 regelt, dass seit 13.12.2020 laute Güterzüge nicht mehr fahren dürfen (Dieses Gesetz wurde nicht „gegen die Bahn“ sondern mit EBA und DB entworfen und verabschiedet, und nein, die Traditionsbahnen wie die HSB, Molly & Co sind davon nicht betroffen).
Im ursprünglichen Gesetzentwurf (Bundesdrucksache 18/11287) war vorgesehen, dass Güterzüge, in die laute Güterwagen eingestellt sind, ihre Geschwindigkeit reduzieren müssen. Was im Bereich Hannover-Lehrte sogar über etwa ein Jahr gut wahrnehmbar wurde.
Im endgültigen Gesetz (Bundesdrucksache 18/11769) wurde dieser Passus aber gestrichen, weil die langsamen Züge den Güterverkehr zu stark bremsten. Kann man auch verstehen.
Schlimmer wirkt jedoch, dass der allseits beliebte MdB Andreas Scheuer angeordnet hat,
dass Verstöße gegen die Verordnung bis Dezember 2021 nicht sanktioniert würden […] Erst in letzter Sekunde wurde in einem Schreiben an verschiedene Verbände darauf hingewiesen, dass die Sanktionen im ersten Jahr ausgesetzt werden. Weder die Abgeordneten noch die Öffentlichkeit wurde informiert. Das zeugt nicht gerade von Respekt gegenüber den Betroffenen, die die Wirksamkeit des Gesetzes erwarten, und auch nicht gegenüber dem Parlament als Gesetzgeber.
(Quelle: https://www.sandra-weeser.de/pressemitteilungb8064fb5)

Und genau das konnte man fast auf den Tag genau beobachten: seit Dezember sind auch die lauten Güterzüge wieder meistens mit voller Geschwindigkeit unterwegs und es fahren auch wieder mehr Güterzüge mit kaputten Rädern („Flachstellen“), die nicht nur die Gesundheit sondern auch unsere Gleise beschädigen und am Ende leise Züge ebenfalls lauter machen.
Es bleibt die Hoffnung, dass dies nur geldgeile Geschäftemacher anderer Bahnunternehmen waren, die dieses eine Jahr noch mit eigentlich reparaturbedürftigen Wagen ausnutzen wollen.

Auf Hilfe durch das EBA ist hier nicht zu hoffen, liebe Bürger!
Denn das EBA hat sich einen schönen Trick ins Gesetz zimmern lassen: Der Lärm wird nicht gemessen oder objektiv festgestellt, sondern anhand von Meldelisten geprüft (!):
Ein Bahnunternehmen meldet, dass es ein paar zu laute Güterwagen im Zug hat. Das EBA überprüft die Meldeliste und die Strecke und stellt dann fest, ob ein Verstoß vorlag. Das wird super funktionieren, na klar!

Kommen wir zum Punkt „zweigleisig“ aus der Überschrift.

Als Verein fahren wir zweigleisig:

1) Sammeln und Melden von unzumutbaren Störungen, in der Hoffnung, dass diese auf kooperative Weise beseitigt werden.
Sollte das nicht greifen, helfen wir Ihnen, die richtigen Rechtswege zu finden. Als Verein können wir zur Zeit nicht mehr juristisch aktiv werden. Aber wir könnten – ausreichende Zahl von Interessenten vorausgesetzt – eine Veranstaltung organisieren und schauen, ob wir ein paar Rechtsanwälte dazu einladen können, die uns aufklären , wie juristische Schritte wegen Nachbarschafts-Ruhestörung in Einzel- oder Sammelform aussehen können.

2) unser Dachverband BVS, den wir nach Kräften unterstützen, kämpft an einer weiteren Front:
die Berücksichtigung von Schlaf-störenden Lärmkomponenten per Gesetz.
Dazu hat die BVS ihre verfassungsrechtlichen, schweren Bedenken gegen den derzeitigen Umgang mit Bahnlärm in Karlsruhe vorgelegt (AZ 1 BvR 1377/21).
Wir identifizieren uns mit diesem Schritt, denn beim Betrieb des MegaHub und der Bahnlinie 1750 sind es nämlich genau diese nächtlichen Aufwachreaktionen: Kurvenkreischen, Volllast anschleppende Lokomotiven, gelegentliches Heulen der Windenmotoren aber auch spontan und vollkommen hirnlos eingesetzte Drucklufthörner gegen 4 Uhr in der Früh – die sich nun zu den jetzt doch wider rumpelnden, schneller durchfahrenden Güterzügen dazugesellen, die uns Anwohnern das Leben schwer machen.
In dieser Angelegenheit gibt es neue Gesundheits-Gutachten aus mehr als einer renommierten Quelle. Genaueres lest bitte hier: https://www.bvschiene.de/wp-content/uploads/2021/07/210722-BVS-PMkarlsruhe-signed.pdf

Euer Team von MegaLeise


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Über megaleisemaik

Ich bin als Nordlicht aufgewachsen, Niedersachse seit 1993, Ahltener seit 2000. Als Dipl.-Ing. Elektrotechnik habe ich vor einigen Jahren einige Erfahrung mit Schallmessungen und -berechnungen sammeln können. Der Umgang mit Behörden und Genehmigungen gehört auch heute noch zu meinen Aufgaben bei der Jenoptik Sparte Verkehrssicherheit.

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